Nackt

Es ist 22.24 Uhr.
Ich lag eigentlich schon im Bett, halb eingekuschelt, halb schon im „Ich sollte längst schlafen“-Modus.
Das Fenster offen, die Luft kühl, und mein Kopf… natürlich hellwach.
Manchmal habe ich das Gefühl, meine Gedanken warten den ganzen Tag nur darauf, dass ich mich hinlege, um dann zu sagen: „Perfekt, sie liegt. Jetzt können wir loslegen.“

Und genau deshalb sitze ich jetzt wieder hier.
Laptop an, Fingerabdruck drauf (wir leben ja inzwischen in einer Welt, in der man sich überall mit seinem Daumen oder Zeigefinger identifiziert), und ich lasse einfach raus, was gerade nervt.

Ich muss ehrlich sagen: Nach meinem letzten Blogeintrag haben sich einige Menschen bei mir gemeldet.
Mit Dankbarkeit.
Mit lieben Worten.
Mit einem Berg Zuversicht.
Und das hat mich aufgewühlt.  Richtig stark aufgewühlt.
Deshalb musste ich nochmal aufstehen und das hier schreiben.

Ein Tag in der Therapie verging nie ohne diese Klassiker:

„Was fühlen Sie gerade?“
„Was macht das mit Ihnen?“
„Warum sind Sie denn jetzt plötzlich wütend?“
„Kennen Sie Ihre Bedürfnisse?“ – kleiner Spoiler: kenne ich bis heute nicht wirklich.
„Was ist denn los?“
„Was sind Ihre Energiefresser?“
„Warum weinen Sie?“
„Warum haben Sie sich jetzt für das Musikinstrument entschieden?“
„Sie müssen jetzt ins Bett gehen. Es ist Nachtruhe.“

Für mich fühlte es sich an wie eine OP am offenen Herzen.
Mit jeder Therapiestunde wurde ein Stück mehr in mich hineingeschnitten, eine weitere Schicht zur Seite gelegt.
Stück für Stück.
Ist ja auch deren Aufgabe.
Und ich kann euch verraten: Sie verstehen ihren Job.
Ob ich das wissen oder fühlen wollte, interessiert da niemanden.
Hinsehen. Fühlen. Beobachten. Sacken lassen.

Im Moment fühlt es sich an, als hätten sie meinen offenen Brustkorb einfach nicht mehr zusammengenäht.
Komisch, oder?
Stellt euch vor, ihr geht zur OP, um euch Gallensteine entfernen zu lassen – aber das Zusammennähen fällt aus. Kannst du dich ja selbst ‚drum kümmern.
Fühlt sich richtig beschissen an.

Rückblickend finde ich es unglaublich, wozu Menschen fähig sind.
Mit Gesprächen, mit Aufgaben, mit diesen ganzen Therapieangeboten.
Sie machen dich nackig.
Entweder du lässt es zu – oder du hältst dich bedeckt.

Ich habe es natürlich zugelassen.
Sollte ja auch Sinn ergeben, wenn man sich für so eine Therapie entscheidet.
Richtig naiv und blauäugig.
Was sollen sie schon herausfinden? Dachte ich.

Falsch gedacht.
Jetzt muss ich mich langsam wieder anziehen.
Nur vielleicht mit neuen Klamotten.
Und die alten mal ein bisschen zur Seite räumen.

Bei diesem Satz muss ich sogar schmunzeln.

22.46 Uhr – Zuhause ist eigentlich auch schon Nachtruhe.
Hier schubst mich nur keiner ins Bett.
Gute Nacht.

Und wenn ich meinen Text nochmal so durchlese, dann steht hier ganz schön viel “ Was fühlen Sie gerade?“
Ich kotze.

Laura.