Zwischenlinien
Es gibt Momente, die man nicht plant – nur übersteht.
Und dann sitzt du im Gang des Krankenhauses und wartest.
In der psychiatrischen Ambulanz.
Du betrittst den Eingang, siehst die Schilder „Psychiatrie & Psychotherapie“ und mit jedem Schritt wird dir bewusster, dass du wirklich gerade hier bist.
Dass du, Laura, hier bist.
Dass es diesmal um dich geht.
Mir liefen tatsächlich schon die Tränen, obwohl ich mich noch nicht einmal angemeldet hatte. Mit der Überweisung in der Hand und einer Portion Mut bin ich trotzdem gegangen. Nicht allein. Mit meinem Partner.
Wir saßen dort. Am leicht geöffneten Fenster. Die Sonne schien. Er strich mir über den Rücken, und ich starrte in den Gang, als würde ich dort Antworten finden.
Die weißen Wände.
Die Bilder, die ein Patient gemalt hatte.
Menschen, die ein Leben leben, das sich so weit von meinem anfühlt.
Das Radio im Hintergrund, das nichts leiser machte.
Meine Gedanken, die alles lauter machten.
Ich wäre gegangen. Wäre ich allein gewesen, hätte ich mich nicht abgemeldet. Ich wäre einfach verschwunden. Nur ich und diese Angst, die sich festsetzt, wenn ich mich zu sehr spüre.
Ich kann nur ans Herz legen: Geh nicht allein zu solch einem Termin. Jemanden dabeizuhaben, der dein Päckchen für einen Moment mitträgt, ist unbezahlbar.
Und trotzdem fühlt sich alles an, als würde ich neben mir stehen.
Als würde ich mich beobachten, statt wirklich da zu sein. Wie ein Film, in dem ich zwar vorkomme, aber nicht weiß, welche Rolle ich spiele.
Und dann sitzt du dort. Siehst erneut die Menschen an.
Jeder trägt sein Päckchen.
Aber ist denn meins wirklich so schwer wie deren Päckchen?
Ist es überhaupt richtig, hier einen Termin zu haben, nur weil es mir so geht?
Nehme ich nicht jemand anderem einen Termin weg, der vielleicht viel mehr Sorgen hat als ich?
Und doch: Ja. Mein Päckchen ist schwer.
Schwer für mich.
Und ich kann es nicht allein öffnen.
Und genau deswegen bin ich hier.
Mein Weg hat noch nicht einmal richtig begonnen, und trotzdem zieht er sich schon über Monate. Jeden Tag aufzustehen, zu überleben, mich nicht im Bett zu verkriechen – darauf war ich nicht vorbereitet.
Ich dachte an einen Spaziergang. Ein bisschen frei. Ein bisschen ausschlafen. Mehr Zeit. Dass mich genau diese „Freizeit“ so trifft, so überrollt… dafür hätte ich gerne eine Warnung gehabt.
Ich setze mich jeden Tag mit mir und meinen Gefühlen auseinander. Und es ist so viel anstrengender als jeder Arbeitstag.
Ich habe so viele Tränen geweint. Und es hört nicht auf.
Manchmal frage ich mich, wie viel davon noch in mir steckt. Und wie viel ich davon überhaupt halten kann.
Das Jahr 2026 ist für mich da.
Zum Heilen.
Zum mich finden.
Zum nicht mehr weglaufen.
Dabei weiß ich noch nicht einmal, wo meine Position in diesem Leben ist.
Aber vielleicht ist genau das der Anfang: zuzugeben, dass ich es nicht weiß.
Laura.