Ohne Etikett
Ich bekam gestern ein Gespräch mit von einer Frau, die über 70 Jahre alt war, und einem Mann, der wahrscheinlich im ähnlichen Alter war. Sie erzählte, dass sie bis zu ihrem 70. Lebensjahr gearbeitet hat.
Der ältere Herr antwortete darauf: „Gut gemacht.“
Ich habe den Kopf geschüttelt.
Warum wird man gelobt, dass man bis 70 gearbeitet hat? Der Frau ging es augenscheinlich nicht gut damit. Aber er hätte sie doch auch fragen können, warum sie so lange gearbeitet hat. Ist sie zum Beispiel allein zu Hause und hat für ihren einsamen Alltag Struktur und andere Menschen gesucht? Oder hat sie das Geld gebraucht, weil ihre Rente so erbärmlich ist?
Mir ist ganz bewusst, wie das mit der Rente aussieht, ohne Frage. Darauf will ich auch gar nicht hinaus. Ich fand es einfach nur so daneben, dass er „Hey, gut gemacht.“ gesagt hat. Und sich gar nicht wirklich nach der Person erkundigt hat.
Vielleicht ist das genau der Punkt:
Wir reden so viel über Arbeit, dass wir manchmal vergessen, über das Leben zu sprechen. Über das, was uns bewegt, was uns müde macht, was uns trägt. Über das, was wir vermissen. Über das, was wir eigentlich brauchen.
Und vielleicht wäre es manchmal hilfreicher, nicht zu fragen, was jemand arbeitet, sondern wie es jemandem geht. Ob jemand zufrieden ist. Ob jemand sich gesehen fühlt. Ob jemand noch träumt oder schon lange nicht mehr.
Ich glaube, viele Menschen funktionieren einfach weiter, weil niemand nach dem „Warum“ fragt. Weil niemand sagt: „Musst du das wirklich noch?“ Oder: „Was würde dir guttun?“ Oder: „Was fehlt dir eigentlich?“
Und ich habe mich wieder gefragt, wie hoch der Stellenwert der Arbeit einer Person eigentlich ist.
Hast du mal beobachtet, dass Gespräche oft beginnen mit: „Und, was machst du beruflich?“ Mir ist es leider oft aufgefallen. Ich bin nicht der Mensch, der eine Person nach ihrem Beruf bewertet. Und doch machen es so viele. Menschen bewerten nach dem Beruf, ob der Gegenüber klug, intelligent, dumm und am Ende wertvoll ist. Sie entscheiden, ob es sich lohnt, die Person kennenzulernen oder nicht.
Niemand fragt beim ersten Gespräch: „Und, ist dir heute schon etwas Wundervolles passiert?“ Klingt ja auch irgendwie komisch, oder?
Und wahrscheinlich hat der Gegenüber nicht einmal eine passende Antwort darauf.
Aber können nicht auch so ganz tolle Gespräche entstehen?
Vielleicht wäre die Welt ein kleines Stück weicher, wenn wir uns weniger über Leistung definieren und mehr über Begegnung. Wenn wir nicht sofort sortieren, sondern erst einmal zuhören. Wenn wir Menschen nicht über ihre Rollen lesen, sondern über ihre Geschichten.
Ich habe tatsächlich eine Freundin in meinem Freundeskreis, die mich lange nicht gefragt hat, was ich beruflich mache. Und glaubt mir … wir sind tatsächlich auch so ins Gespräch gekommen. Und das macht es mittlerweile so einzigartig.
Menschen sind immer wertvoll.
Klar, jeder hat sicher einige Personen, von denen er das nicht behauptet. Geht mir ja am Ende genauso. Und da muss ich auch einfach ehrlich sein.
Aber kein Berufsstand hat das zu entscheiden.
Das Leben ist doch so viel mehr als Arbeit, oder.
Ich will die Menschen sehen – und nicht deren Rolle.
Laura.