Mut
Hattest du schon einmal den Mut, einer Gruppe von Menschen deine Gedanken und Sorgen zu erzählen?
Einfach so.
Ohne Nachfrage.
Kein „Wie geht’s dir?“.
Du öffnest einfach den Mund und lässt die Worte fallen, wie sie kommen.
Und erstaunlicherweise funktioniert das.
Du wirst Zuspruch finden. Oder eine andere Meinung. Gut gemeinte Ratschläge. Einen neuen Blickwinkel.
Bei mir ist dieses „Ich starte einfach“ nicht so leicht.
Ich gehe nicht einfach rein, winke und lege los – auch wenn viele das vielleicht denken.
Nein.
Ich überlege ungefähr 24 Stunden, ob ich es in der Gruppentherapie überhaupt ansprechen sollte.
Ist das wirklich ein Thema? Oder ein „Luxusproblem“?
Und dann sitzt du um 7:30 Uhr auf deinem Bett. Weinend.
Hast den Mut nicht.
Weißt aber auch, dass du nur jetzt, hier und heute die Chance hast.
Du möchtest weiterkommen.
Für dich.
Und dann kommt Zuspruch von außen.
Von Menschen, die wissen, was hier drin abgeht.
Eine Nachricht mit den richtigen Worten.
Ein kleiner Satz, der wie ein Schubs wirkt.
Sei mutig.
Ich hörte dabei ein Lied – das gerade zu meiner Hymne für diese Zeit wird.
Ich hörte es nicht nur einmal. Vielleicht dreimal. Vielleicht öfter.
Was das in mir auslöste?
Kampfgeist.
Für mich hier zu sein. Für mich einzustehen.
Für mein „Ich“ dort jetzt reinzugehen und alles rauszuhauen.
Und ich habe mich wie eine Löwin gefühlt .
In Wirklichkeit bin ich heulend in den Gruppenraum.
Aber wisst ihr was?
Das findet niemand seltsam.
Hier wird eher darüber geschmunzelt, dass ich schon wieder eine Taschentuchpackung leer mache.
Und dann legst du los. Unter Tränen.
Aber es geht.
Du wirst mit Stärke, Mut und weniger Tränen wieder nach draußen gehen.
Es fühlt sich ein bisschen wie Brainstorming an. Ein kleines Meeting.
Jeder hat eine Idee, eine Geschichte von sich.
Und das Gespräch nimmt seinen Lauf.
Von ganz allein.
Mit kalten Händen, Schweißausbrüchen, Lachen und wieder Heulen.
Aber das ist okay.
Würde man mich in der Gruppentherapie filmen, würde ich wahrscheinlich vor mir selbst erschrecken. Manchmal kommen Worte und Sätze, die keinen Sinn ergeben – und doch irgendwie genau das ausdrücken, was gesagt werden muss.
Und dann ist da diese Hand von links oder rechts auf deiner Schulter.
Ein bisschen Sicherheit. Ein bisschen Beistand.
Menschen sind so unterschiedlich und doch in vielen Punkten so ähnlich.
Ich habe hier in kürzester Zeit so viele Charaktere kennengelernt.
Das schaffst du nicht im „normalen“ Leben da draußen.
Das ist ein Gefühl, das werde ich so in dieser Art und Weise nicht noch einmal erleben.
Und genau deswegen werde ich hier weiterhin mutig sein.
Vorausgehen.
Keine zehn Sekunden zählen, bis ich etwas ausspreche.
Und gleichzeitig werde ich diese Menschen hier auch mit offenen Armen, mit einem Lächeln und vor allem mit einem Berg Lebensfreude überhäufen.
Weil es gut tut.
Weil das Leben schön ist.
Laura.