Weichfallen
Was passiert eigentlich, wenn man plötzlich nicht mehr kann.
Ich habe mir tatsächlich so gar keine Gedanken darüber gemacht, was mein Umfeld über mich denken könnte. Mir waren die Meinungen anderer Menschen schon immer relativ egal – egal ob bei Kleidung, bei meinem früheren Blog, der eigentlich nur aus Herzschmerz und Gedankengängen bestand, oder bei anderen Themen.
Und auch hier denke ich: Je mehr Leute darüber Bescheid wissen, desto leichter könnte es vielleicht für mich werden. Ist vielleicht auch ein bisschen egoistisch. Vielleicht können manche Menschen damit gar nicht umgehen… aber hey, auch das ist okay.
Was ich dabei gemerkt habe: Manchmal ist Ehrlichkeit nicht laut. Manchmal ist sie einfach nur ein kleines „Ich kann gerade nicht mehr“, das man endlich ausspricht. Und genau das reicht schon, um etwas in Bewegung zu bringen.
Als ich mich das erste Mal krankgemeldet habe – mit der Begründung Magen-Darm-Infekt – war das für mich der perfekte Einstieg. Ich hatte ja schon seit Wochen Magenschmerzen, das wusste jeder auf Arbeit.
Warum der perfekte Einstieg? Weil ich mich nicht getraut habe, mich wegen Ängsten krankschreiben zu lassen.
Ich konnte nicht einfach sagen: „Ich schaffe die Arbeit gerade nicht mehr.“
Ich habe den Krankenschein am Anfang sogar abgelehnt. Auch den Folgetermin, den mir meine Hausärztin ans Herz gelegt hatte. Brauche ich doch alles nicht.
Aber je bewusster mir wurde, dass ich genau das gerade brauchte, desto besorgter wurde ich selbst.
Also ließ ich mich erstmal für eine Woche krankschreiben – mit Folgetermin. Und dort bekam ich den nächsten Krankenschein, für weitere vier Wochen.
Ich verließ die Praxis, mein erster Gedanke: „Scheiße, ich muss das jetzt echt aussprechen.“ Zweiter Gedanke: „Scheiße, ich werde ins Krankengeld fallen.“
Aber wisst ihr, was dann passiert ist? Es kamen keine schrägen Blicke, keine schlechten Worte, kein „Man, bist du schwach.“ Nein – ich bin unglaublich weich gefallen. In jeglicher Hinsicht.
Mein Partner kümmert sich, meines Erachtens nach, schon viel zu lange um unsere finanzielle Sicherheit. Und trotzdem bedeutet das gerade großes Glück für mich:
Krankengeld, du kannst kommen.
Das beeindruckt uns gar nicht.
Und im Umkehrschluss bedeutet das für mich: Ich habe Zeit.
Zeit zum Heilen. Zeit, die ich höchstwahrscheinlich brauche.
Meine Hausärztin sagte schon beim zweiten Termin zu mir: „Sie müssen sich bewusst werden, dass die Heilung genauso lange dauern wird, wie es gekommen ist.“
Tada. Bedeutet: Ich brauche wirklich Zeit.
Meine Kolleginnen und meine Chefin haben mich nicht verurteilt. Sie haben sich eher selbst Vorwürfe gemacht, dass sie nichts gemerkt haben. Aber hey – Symptome und Gefühle unterdrücken funktioniert doch immer eine Weile gut.
Und meine Freunde und Familie?
Meine Mädels sind der absolute Knaller.
Von „Ich bringe dir nur schnell ein selbstgebackenes Brot vorbei“ bis „Hallo, wir wollen leise mit dir Kuchen essen, kannst du uns vielleicht die Tür öffnen?“ ist alles dabei.
Und Gott, ich habe glaube ich erst mit über 30 Jahren erfahren dürfen, dass Menschen wirklich in einer beschissenen Situation für dich da sein werden.
Sie fangen dich auf.
Sie fragen dich zwanzigmal, wie es dir geht (auch wenn es nervt)… aber sie sind da.
Sie weinen mit dir.
Sie umarmen dich.
Sie nehmen dich mit ins Homeoffice zu sich nach Hause, damit du nicht allein mit deinen Gedanken sitzt.
Und irgendwo zwischen Brot, Kuchen und stillen Umarmungen habe ich vielleicht auch verstanden: Manchmal heilen Menschen dich, ohne dass sie es merken.
Leute, geht raus. Sagt, dass es euch beschissen geht. Es kann absolut helfen.
Und meine Familie?
Ich habe einfach so viel Glück. Ich habe es einfach. Es sind alle da.
Und es gibt Menschen in meinem Umfeld, bei denen du weißt, dass Aufgeben gar keine Option ist.
Ja, ich weiß auch, dass viele dieses Glück nicht erfahren dürfen.
Die nicht weich fallen. Die auf Unverständnis stoßen.
Auf Kopfschütteln und Worte wie „Hab dich mal nicht so.“
Versucht für euch stark zu sein. Lasst sie links liegen.
Ich glaube ehrlich gesagt, dass in meiner Situation erstmal alle anderen das für mich akzeptieren müssen. Ich stehe immer noch auf und spüre in mir keine Akzeptanz. Und ich habe Tage, die sich so normal anfühlen, als wäre nie etwas gewesen – und am Abend bricht die Welt über mir ein.
Und trotzdem:
Ich bin dankbar.
Für jeden Menschen, der mich hält, ohne zu fragen.
Für jedes kleine Stück Normalität, das mir jemand leiht, wenn ich selbst keins finde.
Danke.
Laura.