Station 22
Sonntag, 12:19 Uhr.
Ich sitze in der Küche der Station 22.
Meiner Station 22.
Ein Zuhause auf Zeit – und doch so viel mehr als das.
Seit dem 5. Mai bin ich hier.
Vier Wochen, die sich anfühlen wie ein ganzes Leben.
Vier Wochen voller Lachen, Atmen, Weinen.
Vier Wochen mit einem Kopf, der völlig leer ankam.
Ohne Gefühl für mich selbst.
Mit Fragezeichen, die größer waren als ich.
Mit einer Fremdheit gegenüber meinem eigenen Körper, die mich erschreckt hat.
Ein Monat ist vergangen.
Und ich frage mich: Hat sich etwas verändert?
Ja.
Ich spüre mich wieder – nicht vollständig, aber ein Stück mehr.
Ein Hauch von Hoffnung hat sich in mir festgesetzt.
Die Fragezeichen sind geblieben. Sie sind sogar gewachsen.
Und dieses Gefühl, das sich nicht greifen lässt, das sich jeder Sprache entzieht, ist immer noch da.
Aber der Prozess hat erst begonnen.
Und er wird weitergehen.
Diese Zeit hier – niemand kann sie mir nehmen.
Ich lerne mich kennen. Und ein Teil von mir wünscht, dass es nie endet.
Ich bin nicht bereit für die Welt „da draußen“.
Ich fühle mich nicht sicher. Nicht stabil genug.
Und trotzdem weiß ich: Irgendwann werde ich wieder hinausgehen müssen.
Zwischendurch habe ich das „Leben“ schon ein wenig hereingelassen – durch Tages- und Kurzausgänge.
Manchmal war es schön.
Manchmal war es zu viel.
Manchmal so überwältigend, dass mir die Tränen kamen, ein Kloß im Hals steckte und ich dachte, ich würde es nie wieder schaffen.
Es ist erschreckend, wie groß die Welt geworden ist.
Wie schwer Dinge sind, die früher selbstverständlich waren.
Verträge unterschreiben. Entscheidungen treffen.
Ich lese Sätze siebzehnmal und verstehe sie trotzdem nicht.
Ich bin nicht bereit.
Und ich darf es auch noch nicht sein.
Die Station 22 ist gerade mein sicherer Hafen.
So absurd das klingt – so wahr ist es.
Hier lebe ich abgeschottet von der Außenwelt.
Ohne Verantwortung. Ohne Haushalt. Ohne Arbeit.
Nur ich, mein Leben und meine Gefühle.
Von außen wirkt es vielleicht leicht.
Vier Wochen. Nur vier Wochen braucht es – und ich habe Angst, wieder rauszugehen.
Die Menschen hier kennen meine tiefsten Ängste.
Sie haben meine Tränen unzählige Male getrocknet.
Mich gehalten, so oft ich es brauchte.
Liebevoll die „S-Bahn der Freundschaft“ – So viele Menschen, in so kurzer Zeit.
Und ja – ich bin dankbar, hier zu sein.
Atmen zu können.
Gesehen zu werden.
Gefühle wieder zu spüren.
Und während die Angst vor draußen wächst, wächst in mir leise die Ahnung, dass ich es eines Tages trotzdem schaffen werde.
Laura.