Starkpunkt

Es ist Samstag. Heute darf ich länger schlafen.
Um 7.30 Uhr geht das Radio in meinem Zimmer Nr. 57 an.
Keine fünf Minuten später klopft die Schwester und fragt: „Kommen Sie dann zum Wiegen?“
Da sitze ich nun, im Schlafanzug mit den Erdbeeren drauf, und freue mich darüber, dass ich tatsächlich durchgeschlafen habe.
Das Gewicht ist da absolute Nebensache.
By the way – 1 kg weniger.

Ich schaue aus dem Fenster.
Bewölkt.
Am Wochenende wird immer gewandert.
Nicht weit.
4 km, 6 km oder 8 km.
Ich habe die Wahl – und wie in den letzten Tagen entscheide ich mich für die 4 km.
Ich habe Angst vor dem Laufen.
Jedes Mal.
Ich stehe da mit Herzklopfen, meinem kleinen orangen Akupressurball in der Hand, vor Station 22.
Die Gruppe sammelt sich.
Müde Gesichter.
Und ich denke: Vielleicht hat heute niemand gut geschlafen.
Und trotzdem gehen wir los.
9.00 Uhr.

Der Ball in meiner Hand wandert von links nach rechts, von rechts nach links – und gibt mir immer wieder den Impuls, dass alles okay ist.
Und wieder entstehen Gespräche, bei denen du dich fragst, wo dieses Thema jetzt schon wieder herkommt.
Hat man nicht irgendwann alles besprochen?
Nein. Und wieder laufen Tränen.
Nur kurz.
Weil du Sätze hörst, die wichtig sind. Die dich spiegeln – nur aus einem anderen Blickwinkel.

So gehst du Schritt für Schritt weiter.
Läufst die 4 km.
Einfach so.
Mit meinem kleinen orangen Ball in der Hand.

Ich laufe nicht schnell. Ganz langsam.
Immer am Ende der Gruppe.
Ich sehe Dinge, die die anderen nicht sehen, weil sie die 4 km vielleicht wirklich einfach nur „ablaufen“.
Und ich atme.

Jeder hier hat Ängste und Sorgen. Jeder trägt sein kleines oder großes Paket.
Und trotzdem nimmst du es mit auf.
Du gehst in Situationen, die für andere die Hölle sind.
Du bist da – als kleine Schulter zum Anlehnen, zum Aushalten.

Und dann wirst du angelächelt.
Ich werde angelächelt.
Mit den Worten: „Ich habe das gerade wirklich geschafft.“
Und Scheiße,  ja – sei stolz darauf. Hab Vertrauen in dich.
Du wirst es wieder und wieder schaffen.

Jetzt sitze ich hier und schreibe.
Mit einem Lächeln im Gesicht. Mit einem richtig echten Lächeln.
Weil der Tag heute unglaublich schön war.

Ich war zum ersten Mal seit Monaten wieder im Restaurant.
Natürlich mit meinem kleinen orangen Ball.
Und ja, ich habe ihn gebraucht. Aber auch das war okay.

Jetzt sitze ich in meinem Bett zur „Besinnungsstunde“.
Vor ein paar Tagen habe ich die Ruhe hier kaum ausgehalten.
Ich hatte Angst vor meinem eigenen Zimmer.
Vor der Stille mit mir selbst.
Und manchmal halte ich sie immer noch nicht zu 100 % aus.
Aber es wird leichter.
Definitiv.

Zum Abschluss hat jeder noch eine Pusteblume von mir in die Hand gedrückt bekommen. Warum?
Weil man das viel zu selten macht und gleichzeitig so viel bedeutet.

Und morgen muss ich wieder wandern.
Mit meinem kleinen orangen Akupressurball.

Laura.